Diana Blein

Diana Blein

Hallo mein Name ist Diana und ich bin die Redeakteurin von Super Spanisch.de.

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Argentiniens Fußball: Verrückte Märchenwelt oder korrupter Schein?

Argentiniens Fußball: Verrückte Märchenwelt oder korrupter Schein? 

Argentinien ist nicht nur einer der beliebtesten Touristendestinationen weltweit, sondern ebenso bekannt für vor allem drei Dinge: Den Tango, den Asado und den Fußball.

Der Fußball in Argentinien gilt als einer der fanatischsten der Welt. Argentiniens Fußballfans – die „hinchas“ – sind berühmt-berüchtigt. Doch was steckt hinter dieser Fassade? Ist Argentinien wirklich noch eines der letzten Fußballparadiese auf dieser Welt, in welchem der Sport und die Liebe zu diesem im Vordergrund steht? Oder ist er ein Spiegelbild der argentinischen Gesellschaft an sich und demzufolge mindestens genauso korrupt und im Endeffekt ein Farce, wie so vieles im argentinischen System?

Im folgenden Beitrag werde ich versuchen Dir aus meiner Perspektive als europäischer Einwanderer und Anhänger des neuen Meisters (2019) Racing Club de Avellaneda einen Einblick in den argentinischen Fußball und seine Hintergründe zu geben. Y espero que sea interesante para ti!

Bild: Argentinische Fußballfans gelten als besonders fanatisch und vor allem auch treu. Die Liebe zu seinem Club wird ein Leben lang beibehalten – und meist auch vererbt. Hier eine Innenansicht des Stadions von Racing de Avellaneda – das Estadio Presidente Perón oder auch „El Cilindro de Avellaneda“ bzw. „El Coliseo“ genannt – während eines normalen Ligaspiels.

Der argentinische Fußball und seine Fans sind weltweit bekannt für ihre Emotion und ihr Temperament. Regelmäßig machen Bilder aus den Stadion Argentiniens Furore rund um den Globus, denn in diesen herrscht eine Stimmung, welche mit kaum einem anderen Land vergleichbar ist.

Und ja, dieses Bild hat seine Berechtigung. Der Fußball ist in Argentinien allgegenwärtig – er beherrscht den Alltag der Menschen genauso wie die Medien und oftmals sogar den öffentlichen Diskurs. Nicht umsonst war eine der populärsten Maßnahmen der Vorgängerin des jetzigen Präsidenten Mauricio Macri, Señora Christina Kirchner, der „futbol gratis“.

Der argentinische Staat kaufte hierbei 2009 dem argentinischen Fußballbund für rund 110 Millionen Euro die Übertragungsrechte der Liga für 10 Jahre (bis ins Jahr 2019) ab, um die Spiele frei im öffentlichen Fernsehen übertragen zu können. Klarerweise war diese Maßnahme ein Erfolg auf allen Linien und sorgte unter anderem dafür, dass Frau Kirchner eine weitere Periode im Amt blieb.

Somit muss, wer in Argentinien lebt und nicht als weltfremder Außenseiter angesehen werden möchte:

  1. Einen Lieblingsclub wählen (und diesem treu bleiben).
  2. Immer auf der Höhe der Zeit und gut informiert über die aktuellen Geschehnisse in Liga und Nationalteam sein.
  3. Auch die vielen argentinischen Legionäre im Ausland unter steter Beobachtung halten.

Gleichzeitig hat der argentinische Fußball aber verschiedene Probleme, welche durch diese oberflächlichen Zauber nur schwer verdeckt werden können. Oder nur dann, falls nur aus der Ferne und nicht allzu genau hingeschaut wird. Die beiden größten hierbei sind,

1. Die organisierten Fanclubs („barra bravas“)

Die organisierten Fangruppen rekrutieren sich größtenteils aus den untersten Schichten der Bevölkerung. Für diese ist der Fußball Lebensmittelpunkt, viel mehr besitzen sie in der Regel nicht. Dementsprechend wichtig und emotional ist das Thema für die Anhänger, und dementsprechend wenig zu verlieren haben sie auch. Hier Ausschreitungen der Ultras („barra brava“) der Boca Juniors – „La 12“, wie diese sich nennen.

Die Fans sind sowohl Fluch als auch Segen der Liga. Ohne sie keine Stimmung in den Stadien, ohne sie keine Besucher, keine Einnahmen, kein Support – sprich, der argentinische Fußball wäre ein komplett anderer ohne seine fanatischen Anhänger.

Gleichzeitig sind diese aber auch eines der größten Probleme.

Zusammengesetzt aus Mitgliedern der untersten Bevölkerungsschichten, die außer einem Fußballspiel nicht viel zu verlieren haben im Leben, sind die organisierten Fanklubs mehr mafiöse Organisationen als Banden von im Endeffekt harmlosen Krawallmachern wie in den größten Teilen Europas.

Mit der Macht ihrer Mitglieder im Rücken kontrollieren die „capos“ (wie die Chefs der Ultras genannt werden) nicht nur das Geschehen in ihren Clubs rund um und bis in den Platz hinein. Genauso kontrollieren sie schmutzige Geschäfte abseits des Fußballs, bei welchen von Drogen- über Waffen- und bis hin zu Menschenhandel alle Register gezogen werden.

Dass Frustration über die eigene Lebenslage in Kombination mit Alkohol, Drogen, Waffen und dem Aufeinandertreffen von großen Gruppen Andersgesinnter üblicherweise zu Problemen (sprich Ausschreitungen) führt, war auch im argentinischen Fußball über viele Jahre hinweg der triste Alltag.

Die enge Verflechtung der Ultras mit der Polizei und bis hin zur Politik – welche die Macht der Fans regelmäßig für ihre eigenen Zwecke nutzt – trug genauso wenig zur Lösung der Probleme bei.

Als die Anzahl von Verletzten, und vor allem auch Toten, immer mehr zunahm und die Lage vollends außer Kontrolle zu geraten drohte, war die Politik schließlich zum Handeln gezwungen. Als Maßnahme wurden Auswärtsfans ab dem Jahr 2006 komplett aus den Stadien verbannt.

Heute (in der Saison 2018/19) beginnt langsam die Rückkehr der „hinchadas visitantes“, jedoch bisher nur bei ausgewählten Spielen und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.

Bild: Auswärtsfans werden in Argentinien nur langsam und unter strengen Auflagen wieder zugelassen. So ist der Kauf von Eintrittskarten und der Eintritt ins sTadion nur unter Vorweis des Personalausweis (DNI) zugelassen und innerhalb des Stadions müssen links und rechts des Besucherblocks einige Sektoren leer bleiben – wie hier beim Besuch von Racing bei Talleres (Córdoba). Kein gutes Geschäft für die gastgebende Mannschaft und deshalb nicht sehr beliebt.

Was die Zukunft bringen wird, ist noch ungewiss – meiner persönlichen Meinung nach sollten Auswärtsfans jedoch wieder zugelassen werden. Der Atmosphäre im Stadion sind diese nur zuträglich. Ausnahme sollten weiterhin die Derbies („clasicos“ genannt) bleiben. Hier trifft so viel Rivalität aufeinander, dass diese Spiele in der Vergangenheit auch immer die gewalttätigsten waren.

Neben den Fans ist das zweite strukturelle Problem des argentinischen Fußballs die Korruption (welche sich allerdings durch alle Lebensbereiche des Landes zieht).

  1. Die Korruption: 

Argentinien gehört bekannterweise zu den korruptesten Ländern der Welt, wie man in dieser Karte von Transparency International sehen kann.

 

Und diese Korruption zieht sich durch alle Lebensbereiche. In Argentinien gibt es nichts, was nicht gekauft oder verkauft werden würde – nichts, was nicht geregelt werden könnte (und hier spreche ich aus eigener Erfahrung). Man muss nur wissen wie, wo und bei wem gefragt werden muss – und man muss bereit sein die notwendigen Geldmittel locker zu machen.

Dieser Umstand führt auch dazu, dass viele Europäer (oder allgemein nicht lateinamerikanische Einwanderer), welche sich gerne hier niedergelassen hätten, das Land nach kurzer Zeit fluchtartig wieder verlassen. Nämlich dann, wenn ihnen klar wird, dass der offizielle Weg oftmals nichts bringt und lediglich viel Spesen, Nerven und Zeit kostet.

Die durchschnittliche Bleibedauer liegt bei unter einem Jahr. Ich persönlich habe schon von vielen Argentiniern gehört, dass ich einer der ersten Europäer bin, den sie kennenlernen, welcher schon so lange da ist – und vor allem immer noch keine Pläne hat „zurückzukehren“.

Natürlich macht diese Korruption genauso wenig vor einem der wichtigsten Bereiche der argentinischen Gesellschaft – dem Fußball – halt. Das fängt damit an, dass der Wettbewerb zugunsten der großen Clubs verzehrt wird. Darunter fallen

  • parteiische Schiedsrichter,
  • kurzfristig geänderte Spielpläne,
  • sowie der Umstand, dass der Absteiger immer aus dem Punktedurchschnitt der letzten 3 Saisonen gebildet wird. Was das bringt? Genau: Spielt ein großer Club eine schlechte Saison, in welcher er eigentlich absteigen würde, retten ihn normalerweise die anderen beiden punktereichen.

Dieser Umstand alleine wäre aber noch kein großer Grund zur Besorgnis, ist das doch wahrscheinlich in so gut wie allen Fußballligen der Welt an der Tagesordnung – die Bevorzugung der großen Clubs gegenüber den kleinen.

Andere Ereignisse sind das jedoch schon etwas mehr. Als Beispiele möchte ich die folgenden beiden aufführen.

  1. Die Wahl des Präsidenten des argentinischen Fußballverbandes 2015 (der AFA): 

Am 3. Dezember 2015 sollte der neue Präsident der AFA gewählt werden. Zur Wahl standen der Fernseh- und Showstar Marcelo Tinelli als Herausforderer und ihm gegenüber der amtierende Präsident Luis Segura.

Die Wahl endete mit 38:38 Stimmen unentschieden – und damit mit einem Eklat, da lediglich 75 Abgeordnete zur Wahl zugelassen gewesen waren. Offensichtlich hatte sich einer der Präsidenten der Oberhausklubs (vermutlich derjenige von Talleres Córdoba) nicht ganz entscheiden können, welches Bestechungsangebot er annehmen, und welches er ablehnen sollte.

Die Wahl verkam somit zu einer Farce, Luis Segura blieb Präsident und Marcelo Tinelli musste reumütig seinen Verzicht erklären.

Was diese gescheiterte Wahl aber vor allem wieder einmal mehr als klar gemacht hatte, war das Niveau an Korruption in Argentinien. Und wie offen diese vor allem gelebt – und genauso akzeptiert – wird.

Für den Großteil der Argentinier existiert der Begriff Korruption auch gar nicht – und schon gar nicht als etwas Negatives. In den Augen seiner Bewohner muss man in Argentinien vor allem eines sein – nämlich „vivo“.

Das bedeutet ungefähr so viel wie „jemand, der weiß sich besonders vorteilhaft durchs Leben zu schlängeln“. Und dazu gehört vor allem das Ergreifen von jeglicher sich bietender Möglichkeit – sei es im Geschäft, in der Politik oder auch in der Liebe.

  1. Warum wurde das Finale der Copa Libertadores zwischen River Plate und den Boca Juniors in Madrid abgehalten? 

Vordergründig, wegen des Angriffs der „hinchas“ von River Plate auf den Mannschaftsbus der Boca Juniors – soweit, so gut.

Falls man sich jedoch das folgende Bild ansieht (welches später zur Vorlage zahlreicher Memes werden sollte), dann drängt sich einem sehr schnell der Verdacht auf, dass das ganze Theater rund um das Finale der Copa Libertadores nur ein geschickt eingefädelter Vorwand war.

Ein Vorwand, um das Spiel nach Europa zu verlegen. In ein größeres Stadien mit teureren Sitzplätzen und mit einer Anstoßzeit zur europäischen Prime Time (und damit astronomischen Werbeeinnahmen).

Bild: Der Mannschaftsbus der Boca Juniors nähert sich in voller Fahrt der versammelten Fangemeinde von River Plate an. Kaum geschützt von einigen wenigen Polizisten auf Motorrädern – in einem Land, in welchem es an vielem, nur nicht an Polizei, mangelt. Das Meme bedeutet: „Ich, der sich in voller Fahrt und ohne jegliche Vorsichtsmaßnahmen in meine nächsten schlechten Entscheidungen stürzt.“

Prinzipiell muss es doch jedem halbwegs vernünftig denkenden Menschen wie eine „locura“ vorkommen, den nur dürftig geschützten Boca-Bus mitten durch die versammelten River-Fans zu lenken. Vor allem, wenn es eine Vielzahl weiterer (und sicherer) Möglichkeiten gegeben hätte, die Spieler von Boca in das River-Stadien zu bringen.

Auch wenn diese Theorie offiziell nie bestätigt werden konnte und so nichts weiter als reine Spekulation bleibt, bleibt vor allem auch ein bitterer Beigeschmack. Dass in diesem Land nichts so ablaufen kann, wie es „geplant“ wäre. Und wie es vor allem für alle Beteiligten halbwegs angenehm gewesen wäre.

Vielfach wurde in den Medien und in den sozialen Netzwerken wieder der alte Spruch “El problema de Argentina son los argentinos” (Das Problem von Argentinien sind die Argentinier selbst) bedient.

Damit wären wir am Ende meines (kritischen) Blicks auf den argentinischen Fußball und seine Schattenseiten und mir bleibt mir nur noch eines festzuhalten: Ich bin weder Argentinien selbst, noch den Argentiniern und auch nicht dem argentinischen Fußball gegenüber negativ eingestellt – im  Gegenteil.

Ich möchte mit diesem Beitrag lediglich etwas mit der romantischen Sicht auf das Land und seinen Fußball aufräumen. Argentinien ist ein junges (und wildes) Land, das wie so viele Teenager zwar mit seinen Problemen kämpft, aber gleichzeitig eine Vielzahl bewundernswerter Energie und Talent besitzt.

Und genau aufgrund dieser „vicios y virtudes“ liebt und hasst man dieses Land – gleichzeitig und abwechselnd – irgendein Gefühl dazwischen existiert nicht.

In dem folgenden Video des von mir sehr verehrten Hernán Casciari erklärt er „la edad de los países“ und die damit einhergehenden Eigenschaften, Vor- und Nachteile sehr eindrücklich. Und vor allem auch sehr humorvoll.

Über den Autor: Jeremy-James Peter ist genauso Ex-Österreicher wie Ex-Naturwissenschaftler (Biotechnologie und Agronomie), der inzwischen seit gut 4 Jahren in Argentinien lebt, liebt, leidet und vor allem einiges über das Leben lernt.

Anstatt mit Petrischalen und Pflanzenpathogenen beschäftigt er sich heute in diversen Webseitenprojekten vor allem mit den Themen Spanisch lernen und Suchmaschinenoptimierung (SEO).

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