Galicien

So mancher Wanderurlauber, der sich auf grüne Berge begibt, um in die mit steinernen Häusern übersäten grünen Täler Galiciens hinabzublicken, wähnte sich eher in den Lowlands von Schottland als im Nordwesten Spaniens.


Diese Region hat mit den bekannten spanischen Reisezielen nur wenig gemeinsam. Einiger Bekanntheit erfreuen sich allenfalls die Kathedrale von Santiago de Compostela und der Fußballclub Deportivo La Coruña. Dass auch diese Region mit dem Galizischen, eine eigene Sprache hat, ist ebenfalls nur wenigen bekannt. Darüber hinaus ist das typische Folkloreinstrument der Galicier der Dudelsack. Auch er erinnert eher an Schottland als an Spanien mit Flamenco und Kastagnetten. Dieser Zusammenhang zwischen dem Norden Spaniens und dem Großbritanniens sind auf die gemeinsamen keltischen Wurzeln zurückzuführen.

Galizien versus Galicien

Die Kelten, einem eigentlich mitteleuropäischen Stamm, den heutzutage neben den Schotten auch die Waliser, die Bretonen und die Galicier als ein ihnen eigenes Geschichtselement erachten, benutzen diese Völker, um sich von den vormals weiter entwickelten Ländern wie England, Frankreich und Kastilien abzugrenzen. Was dem am westlichen Ende Europas gelegenen Galicien, dessen Schreibweise mit c sich wahrscheinlich zur Abgrenzung von der polnisch-ukrainischen Grenzregion Galizien eingebürgert hat, Bedeutung einbrachte, ist der Fund der sterblichen Überreste des Heiligen Jakobus. An diesem Fundort wurde eine Kathedrale gebaut, um die sich der Wallfahrtsort und die heutige Hauptstadt der autonomen Gemeinschaft Galicien entwickelte - dem Ziel eines berühmten Pilgerwegs - dem Jakobsweg.

Pilgern am Jakobsweg

Pilgerfahrten gehören zwar nicht mehr zur Reiseplanung der jüngeren Generationen, jedoch ist eine Wanderung zur spirituellen Selbstfindung alles andere als aus der Mode. Ob es daran liegt, dass die Gläubigkeit wieder auf dem Vormarsch ist, oder daran dass Jugendliche einfach gern wandern, zumal die mit Hostales gesäumten Wanderwege durch die atemberaubend grünen Regionen Spaniens führen, oder ob es eine Mischung aus beidem ist, soll hier nicht weiter erörtert werden.

Ob zu Fuß, auf dem Rad oder auf welchem Gefährt auch immer, der Weg ist unbeschreiblich schön und wenn man am Ziel ist, wird man große Genugtuung empfinden, wenn sich die Kathedrale von Santiago vor einem erhebt. Außerdem ist die Kathedrale auf den spanischen 1, 2 und 5 Centmünchen abgebildet.. Erbaut wurde sie vom 11. bis 3. Jahrhundert, nachdem man im Jahre 813 das Grab des heiligen Jakobus fand. Im Anschluss an den Bau gewann der Ort als Pilgerstätte an europaweiter Bedeutung.

Der Jakobsweg hat zahlreiche Ausgangspunkte auf dem ganzen Kontinent und führt nachdem man die Pyrenäen überwunden hat, auf verschiedenen Routen an der nördlichen Atlantikküste oder etwas weiter südlich durch die „grüne Lunge" Spaniens, den autonomen Gemeinschaften Baskenland, Kantabrien, Asturien bzw. dem nördlichen Teil Kastiliens entlang bis in das Herz Galiciens.

Außer dem Pilgerwesen ist der wichtigste Industriezweig der Region die Fischerei. Fast 50% aller Fischereiprodukte Spaniens stammen aus Galicien. Diese starke Abhängigkeit führt bei Krisen auf diesem Sektor zu erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Bis vor rund hundert Jahren hatte mit den Auswanderern nach Süd- und Nordamerika Galicien im Laufe der Zeit den größten Aderlass zu verkraften. Heute stellen Umweltkatastrophen die größte Bedrohung der galicischen Wirtschaft dar.

„Prestige“-Katastrophe vor der galizischen Küste

Als im November 2002 ca. 200 km vor der galizischen Küste der Öltanker Prestige auseinanderbrach und insgesamt über 66.000 Liter Öl in den Atlantik flossen, war mit einem Schlag der wichtigste Industriezweig, als Einnahmequelle der Bevölkerung vorübergehend verschwunden. Ein Jahr lang war die Fischerei verboten. Das Öl hatte Fischbestände nicht nur vor Nordwestspanien, sondern die gesamte nordspanische und südfranzösische Atlantikküste unbrauchbar gemacht.

Die damalige Regierung der Volkspartei (Partido Popular) um Ministerpräsident José María Aznar sagte den Fischern schnelle Hilfe zu. Auch sollten die Sicherheitsmaßnahmen für Öltransporte vor allem in den Fischereigebieten verstärkt werden. Letzten Endes blieb der Umweltschutz völlig auf der Strecke und die meisten galicischen Fischer wurden auch aufgrund eigenen Verschuldens ein Jahr lang mit 3000 € monatlich abgespeist. Man verzichtete gleichzeitig auf jegliche Schadenersatzforderungen.

Als sich herausstellte, dass dies bei weitem nicht genug war und dass Fische und Meeresfrüchte nach Freigabe des Meeres nur ein Jahr nach dem Unglück längst noch nicht genießbar waren, bildete sich erheblicher Widerstand gegen die konservative Regierung. Sie mündete in der Ökologenbewegung namens Nunca Máis (Galizisch: Nie wieder), die großen Zuspruch nicht nur unter der galicischen Bevölkerung und unter Umweltschützern fand. Nie wieder sollte die spanische Atlantikküste mit Öl verpestet werden, nie wieder sollte die Bevölkerung, die aufgrund mangelnder Sicherheitsstandards um ihre Existenz gebracht wurde, mit einem Almosen vom Staat abgespeist werden, der sich größere Schadenersatzforderungen vom Hals halten wollte.

Noch heute knapp vier Jahre nach der Katastrophe sieht man in ganz Spanien Fahnen und junge Leute, die T-Shirts mit Nunca Máis-Auftrag tragen.

von Torsten Schnabel

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